tabeneaundbelemo


Aus der Anthologie "Von der Zärtlichkeit des Übermorgen":

(Siehe dazu auch www.marlies-georg.de)

 

Tabeneas und Belemos Traum

Tabenea steht am Fenster. Der rote Mond scheint noch am südlichen Himmel. Daneben ist der azurne Planet Guerikon aufgestiegen. Ihr beider Licht vereint sich und taucht die verchromten Kuppeln der Stadt unter Tabeneas leuchtenden Augen in ein magisches Violett, changierend zum Blau. Kurz nach fünf Uhr am Morgen. Und Tabenea ist seit langem wach. Sie träumt mit offenen Augen. Ihr silbernes Haar ist gelöst, und sie trägt ihr Bettgewand. Das Einheits-Bettgewand in einem hellen Grün. Hier ist keine eigene Mode erlaubt.

Damals, ganz am Anfang, hat sie so viele Träume gehabt. Nicht nur solche, die sie jetzt am Fenster träumt, sondern solche, die sie verfolgen wollte, in die Tat umsetzen, verwirklichen. Oder solche, deren Verwirklichung sie schon gesehen hat, als wäre eine feste Zusage der Welt und des Schicksals. Drei Dinge wären ihr wichtig gewesen: Die Möglichkeit des Beamens, wie es die uralten Science Fiction Filme so schön ausgemalt haben, ein wirklich ausgereifter medizinischer Tricorder – und die Erfindung der „Tarnkappe“.

Seit der Erfindung des Warpantriebes und der Bequemlichkeit, sich Nahrung replizieren zu können, ist – scheinbar - für viele ihrer Altersgenossen, ein großer Traum in Erfüllung gegangen. Aber nicht viel von dem, was dadurch bewegt worden ist, ist wirklich etwas, was sie mit Freude erfüllen würde. Durch den Warpantrieb ist mehr Unheil noch schneller durch die Galaxie gereist, als tatsächlich an Gutem transportiert worden wäre, und die replizierte Nahrung lässt alle Sinnlichkeit des Kochens und einen wohl temperierten Geschmack  vermissen. Es ist ein reines Sättigen, aber kein Sattwerden dabei. Die Welt im neuen Zeitalter und in den neuen Kolonien fern der Erde ist voll des Hungers nach wahren Werten und erlebbarer Gerechtigkeit. Aber die Menschen können nicht einmal richtig verstehen, was ihnen fehlt. Grausames Nichtwissen hält die Welt in Klauen. Bar aller Sinnlichkeit und allen Sinns.

Mit dem Beamen, der Tarnkappe und dem Medizin-Tricorder jedoch hätte sich vieles verwirklichen lassen. Sie hätte die Tarnkappe aufgesetzt und sich mitten in die Schaltzentralen der Macht gebeamt. Dort hätte sie ungesehen und unerkannt wichtige Friedensverträge unterzeichnet, soziale Vorhaben bewilligt und so manchem armen Schlucker etwas Gutes getan. Und sie hätte sich heimlich ans Belemos Bett begeben und einfach nur seine Hand gehalten, ganz still, warm, verbindlich als er in Betona Mauri im Straflager war. Am liebsten natürlich hätte sie ihn mit sich genommen. Eine zweite Tarnkappe. Beamen und fort. Weit fort… raus aus der Gefahrenzone überbordender Gewaltherrschaft.

„Betona Mauri“, flüstert Tabenea und friert. Sie würde ihn heute noch von dort holen. Nicht nur seine Hand halten. Aber es gibt kein Beamen, keine Tarnkappe. Und Belemo, ihr geliebter Belemo, er ist tot. Schon lange. Er kommt nicht mehr wieder von Betona Mauri. Wann ist das gewesen? 2099? 3002? Sie weiß es nicht mehr. So viel verschwimmt ihr derzeit. Immer mehr.

Vor dem Fenster unweit des Seniorendombaus fliegen die ersten Werksbusse in Richtung Stahlhof und Raketenbauzentrale. Einer nach dem nächsten reiht sich ein in Linie der Flugobjekte. Kleine ovale Perlen erscheinen sie ihr im Dämmerlicht. Darin sitzen indessen immer gut einhundert Menschen. Mindestens. Sie weiß das. Sie ist selbst in so einem Werksbus geflogen.

Früh um halb fünf kamen sie stets, legten ihr die digitale Fußfessel an und nahmen sie mit. Sie stand an einem Stahlformer von früh bis spät. Als abends der Planet Guerikon am Osthimmel in die Finsternis sank, wurde sie zurück nach ‚Heimlag’ gebracht. Sie und die anderen aus dem Bus, die einst auch von Betona Mauri zurück in die Arbeitsstätten „entlassen“ worden waren.

Belemo hatte nicht das Glück. Er war als unbelehrbar eingestuft. Unverbesserlich. Ein Weltverbesserer. Nicht rehabilitierbar. Man fürchtete seine Pfiffigkeit beim Ausdenken und Umsetzen von Sabotageakten.

„Belemo, mein Liebster“. Tabea blickt aus dem Fenster. Im Spiegelbild sieht sie nicht nur sich. Sie sieht Belemo. Sie stellt sich ihn vor mit silbergrauem Haar wie das eigene. Sie sieht im wachsenden Blau des Morgenhimmels sein Augenblau. Sie stellt sich vor, wie er hinter ihr steht und sie mit seinen Armen umfängt. Sie hört seine Stimme. „Tabenea, Tabenea…“ Es ist ein tiefes, tröstenden Singen.

In dem Moment öffnet sich die Tür hinter ihr mit einem gedämpften „Schwoff“. Die Betreuerin kommt herein mit den Spritzen des Tages. Eine zum Stillwerden, eine zum Ruhegeben, eine zum Dahindämmern. Es ist nicht erwünscht, dass die alten Ruhestörer tagsüber randalieren. Sie sollen leise sein. Leise atmen. Sich maximal leise bewegen. Leise sterben. Man will sie nicht mehr, man wollte sie nie. So wie die Welt eingerichtet ist, so funktioniert es ja gut. Wer mitmacht, der wird mitmachen dürfen. Wer stört, kommt fort. Wer weiter stört, kommt weiter fort.

Betona Mauri ist weit genug entfernt. Wenn die Sternen- und Planetenkonstellationen günstig stehen, kann man den Mond manchmal mit bloßem Auge erkennen. Die Krater darauf auch. Die Eingänge zu den Gefangenenkellern nicht. Das will auch keiner sehen.

Der Rest aber, der stört kaum noch einen. Die Sandkörner im Getriebe sind vor einigen Jahrzehnten schon herausgepickt geworden. Nach Betona Mauri kamen die Ewigstörenden. Die anderen wurden „dezent“ eingegliedert. Aber heute gibt es nicht einmal solche mehr. Die Menschen sind stumm gemacht. Verhalten. Sie „spuren“. Sie fahren mit den Bussen zum Arbeiten und lassen sich abends wieder in die Quartiere bringen. Zum Replizieren von Nahrung im Replikator und neuen Arbeitern – in den Betten.

Über dem allen aber thront eine Oberschicht so dünn wie Glas.

Glas. Fensterglas. Die Schwester geht aus dem Zimmer. „Schwoff!“, macht die Tür. Fensterglas. Spiegelglas. Spiegelbild. Tabenea sieht sich selber im Spiegelbild. Sie sieht Belemo. Er legt wieder seine Arme um ihre Schultern. Er singt. „Tabeneeea, Tabeneeeea, Tabeneeaaaa!“ Aber sie sieht seine Augen nicht mehr in der Scheibe. Alles verschwimmt. Sein Spiegelbild und die Gedanken.

Hören jedoch kann sie ihn noch. „Tabenea, nun ist es soweit….“

Vor dem Fenster fliegen die Grau-Flaum-Adler über die Kuppeln der Stadt. Im Hintergrund qualmen die Schlöte der Werksanlagen. Im Zimmer der Altersanstalt aber liegen zwei leblose alte Menschen. Eng umschlungen. Der Mann hält einen noch unbekannten Apparat in der Hand, der aussieht wie eine Art von Scanner. Neben seinem Kopf liegt eine Mütze aus seltsam schillerndem Material. In seinen Armen aber hat er Tabenea an sich geschmiegt.

Ganz still geworden. Ganz….

 

© Barbara BaLo* Lorenz, 2006, www.blatt-gold.com

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Ein voller Erfolg war die

 

Lesung aus "Von der Zärtlichkeit des Übermorgen"

am 24. April 2008  um 20:00 Uhr

Ort: Die Autorenbühne der Buchhandlung Feuerlein, Kugelbühlstr. 44, 91154 Roth

Eintritt: 8 €,
Kartenreservierung: 09171/892319

Lesung der Autorin Nele Mint mit dem Künstlerehepaar Marlies Eifert und Georg Grimm-Eifert,

den Herausgebern des Buches. Ausstellung von Werken von Georg Grimm Eifert.

Musik: Swinging Harmonists

Siehe auch www.marlies-georg.de und www.nele-mint.de
 

"Lesung ein toller Erfolg! Vor ausverkauftem Haus fand am 24. April auf der Autorenbühne im fränkischen Roth eine Lesung mit dem Künstlerehepaar Marlies Eifert & Georg Grimm-Eifert  sowie der Autorin Nele Mint statt. Gelesen wurde aus "Von der Zärtlichkeit des Übermorgen". Für die musikalische Untermalung sorgten die Swinging Harmonists. Das begeisterte Publikum ließ die Künstler nicht ohne Zugabe vom Podium ..."  Quelle: http://www.lf- magazin.de/

 

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