Rattenfänger: Geschichten und Gedanken


Eine Kurzgeschichte von BaLo* zum Thema „Rattenfänger“:

 

Grünaugenmanns Flötengesang

 

von Barbara BaLo* Lorenz 

 

Er kam am frühen Morgen. Sagte, er sei der Rattenfänger. Seine Flöte hatte er dabei. Ich staunte darüber, wie zart sie erschien. So ein kleines Ding! Und ganz in Silber. Eine filigrane Arbeit, hübsch dekoriert. Ich hatte ihn bestellt. Schon vor Wochen. Und nun hatte er auch Zeit gefunden, bei mir die Ratten zu fangen.

 

Ratten: Der ganze Keller war voll von ihnen. Diesem stinkenden, grauen Volk, das fiepte und piepste und pfiff, dass ich es nicht mehr hören konnte. Es war durch die Kanalisation ins Haus eingedrungen und kam immer noch herein über die Rohre und durch die kleinen Fenster. Zog ein und aus und fraß alles, was da unten war, einfach radikal auf. Hinterließ Kot und scharfen Urin und ruinierte die Fundamente meines Hauses. Wuselte, wimmelte und turnte durcheinander. Und ich, ich saß oben in der Wohnung. Vor Angst und Ekel starr hockte ich da. Hielt die Türen, Fenster und alle Luken dicht geschlossen, so gut ich es nur konnte, ließ nur noch auf Geheiß jemanden ein, kurz und hektisch, panisch, sie könnten sich meiner Räume endgültig ganz bemächtigen. Die Toilette hatte ich verrammelt, den Abfluss zugestöpselt, alle möglichen Ein- und Ausgänge für Ratten und anderes Getier verbarrikadiert, und immer noch diese Angst, sie könnten zu mir kommen, ganz nah.

Ich erinnerte mich an Berichte von Ratten, die hochsprangen bis auf Augenhöhe, bissen und Krankheiten verbreiteten. Pestgeschichten. Gefangenenlagererzählungen, alte Märchen und Legenden. Seemannsgarn und Zaubersprüche. Das half mir nur ganz und gar nicht und mehrte meine Furcht noch zusätzlich.

 

Aber nun sollte ja Abhilfe da sein. Der Rattenfänger! So ein blonder Bursche mit rötlichem Bart. Er sah mich an mit grünblauen Augen, das eine ein wenig grüner als das andere. Lächelte und besänftigte mich.

„Liebe Frau“, sagte er zu mir „nun soll Ihnen geholfen werden. Zeigen Sie mir doch bitte die Tür zum Keller“. Dabei zwinkerte er mir sogar zu. Ich konnte es kaum fassen. Ich bewunderte seine gelassene Art, sich des Themas anzunehmen, das mich selber bis auf die Knochen graute. Ich vermutete, es wäre die Gleichmut des Profis. Alles übt sich, nicht wahr? Und manche haben eben nun mal bessere Nerven.

Aufgeregt und mit wackligen Beinen ging ich voran. Mein Blick scannte immer wieder auch den Boden zu meinen Füßen, und meine überaus sensibilisierten Ohren, seit Wochen auf Rattenton-Ortung gepeilt, waren auf feinen Empfang gestellt.

Bereits wenige Meter vor der Tür zum Rattenreich dort unten war ihr schauriger Chor aus schrillen Pfiffen und ihr dauerndes Rascheln und Huschen zu hören. Ich meinte schier, mir rausche ein Gebirgsbach den Rücken hinab, so grauste es mich.

 

Aber er, der fröhliche Rattenfänger, der lächelte sanft. Seine Augen leuchteten auf und strahlten erwartungsvoll. Er drehte sich zu mir um und meinte: „Wollen Sie dabei sein, wenn ich sie mir hole?“

Erschreckt wich ich zurück. Sein Lächeln hatte nun einen anderen Ausdruck angenommen, wie mir schien. So etwas an den Mundwinkeln kam mir anders vor. Etwas ein wenig Grausames und Lustvolles zugleich zog sich über seine Lippen, die sich seltsam kräuselten. Seine Augen waren so grün geworden! Grünspanfarben.

 

Nun, dachte ich, geht er gleich zu Werk. Und ich bat ihn, mich zu entschuldigen. Ich würde zurück in die Wohnung gehen und mich wieder einschließen. Er solle anklopfen, wenn er erfolgreich und fertig wäre.

 

Ich sah noch, wie er seine Flöte zur Hand nahm und ansetzte zu spielen. Noch ehe er die Klinke anfasste, wandte ich mich ab und rannte regelrecht in meine Räume, schloss eilends die Tür ab. Riegel vor. Und bebte - lauschte.  Ich hörte, wie er die Kellertür öffnete. Das Pfeifkonzert der Ratten wurde lauter, anschließend wurde die Tür zugezogen, und das Quieken und Fiepen wurde wieder leiser. Dann hörte ich die Melodie seiner Flöte.

 

So etwas hatte ich beim besten Willen noch nie zu hören bekommen. War das Musik oder waren es Windgeräusche, wie sie erklingen, wenn der Sturm sich in schmiedeeisernen Kringeln und Ringen fängt? Äolsharfen? Oder war es Meeresrauschen, Brandung von Ferne. Vielleicht singen so die Sterne, wenn eine ewige Gehörmuschel sie einfängt. Ich weiß es nicht. Geheimnisvolles Klanggewebe legte sich wie Sinnenweben über Luftbewegungen und durchzog den Ort wie von Zauberhand.

Das musste es auch sein! Der Rattenfänger konnte nur ein Magier sein. Einer, der mit den Elementen auf Du und Du ist, der sich den Schwarzen Künsten vielleicht sogar verschworen hat! Da beschlich mich ein schauriges Gefühl, und meine Zuversicht wich noch größerer Angst als vor der Ankunft des jungen Mannes. Was nun, wenn er mit dem Teufel im Pakt wäre und aus der misslichen Lage jetzt eine noch größere Plage entstünde? Was, wenn er die Ratten im Schlepptau heraufkommen würde und einen Weg fände, meine Türe aufzubrechen, hereinzukommen und … dann wäre ich wahrhaftig verloren.

 

So kauerte ich in meinen vier Wänden, und die Zeit schwamm jählings an mir vorbei im Taumelwirbel der Panik. So merkte ich von Furcht ganz geblendet und im Brausen meines erregten Pulses zunächst gar nicht, dass an meiner Wohnungstür geklopft wurde.

„Hallo! Hallo! So öffnen Sie doch!“ und dazu hämmerndes Knöcheltrommeln auf dem dunklen Holz. - Ich wagte kaum zu atmen. Blieb stumm. War nicht in der Lage auch nur einen Finger krumm zu machen, geschweige denn, der Stimme Folge zu leisten. Da hörte ich, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde und umgedreht….

 

Als ich gerade schreien wollte, versagte mir die Stimme vollkommen. Die Sinne schwanden mir. Ich kippte einfach weg und sank in eine tiefe Ohnmacht.

 

Später erzählte man mir, ich wäre drei Tage bewusst los in meiner Wohnung gelegen, ehe mich eine Nachbarin vorfand. Alle Türen wären offen gestanden, auch die, die zum Keller führt. Die Stiegen wären voller Fußabdrücke gewesen, vieler Fußstapfen, wie die von kleinen Kindern, die im Freien gespielt haben und mit schmutzigen Füßchen barfuß hereinkommen, um im Haus weiterzutoben. Aber alles wäre an Ort und Stelle gewesen. Nichts fehlte, nichts war zuviel. Nur ich lag so da, hatte einen heißen Kopf und schweres Fieber und phantasierte heftig vor mich hin.

 

Der hinzugezogene Notarzt diagnostizierte eine schwere Sommergrippe, die nicht auskuriert worden war und einen dramatischen Verlauf genommen hatte. Ich begab mich ins Krankenhaus, um mich ganz ausheilen zu lassen. Legte mich in weiße, kühle, saubere Laken. Darein ließ ich mich fallen. Dankbar, dass ich da war. Und die Ratten weg. Die Ratten in meinem Keller, meinem Fieber, meinem Unterbewusstsein. Und nun frage ich mich immer noch, was mir der Rattenfänger zu bedeuten hatte. Und warum die Fußabdrücke auf meinen Treppen da waren. Ich werde viel zum Nachdenken haben. Muss an die unglücklichen Kinder von Hameln denken.

Zogen verwunschene Geister durch mein Haus? War ein Bann gesprochen und wieder gebrochen? Alles nur Fieberwahn?

 

Manchmal, wenn ich träume, dann sehe ich in die wundersam grünen Augen des Rattenfängers, bemerke wieder jenes sardonische Lächeln in seinem bärtigen jungen Gesicht. Ich höre seine Flöte, dieses feine Silberinstrument, wie es mich gefangen nimmt und in Trance versetzt.

 

Wie anfällig doch der Mensch ist, für Ratten, für Fänger, für die Lähmung der Furcht.

 

Und ich schreibe auf:

 

Wo sind die Ratten geblieben  - jenseits vom Fieberwahn?

Was hat der Fänger getan -

mit ihnen

und

 

mir?

 

© Barbara BaLo*  Lorenz

 

 

Anmerkung:

 

Diese Geschichte war gedacht für eine Anthologie zum Thema „Rattenfänger“.

Ein Thema von besonderer Tragweite, u.a. wenn man das Verhalten von Menschen

 untereinander betrachtet, wie es leider immer wieder vorkommt.

„Der Mensch ist des Menschen Wolf“ könnte ab und an daher abgeleitet heißen:

„Der Mensch ist des Menschen Ratte.“

So gehe jeder von  uns in sich und erkenne sich selbst,

in der Hoffnung, daß das den Ratten nachgesagt Unschöne

dort nicht zu finden sei – oder falls doch,

umgehend verscheucht werde.

 

BaLo* im Juni 2004

 

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