leonhardsweg


 

Leonhards Weg in den Garten

Es war die Zeit des abendlichen Dämmerscheins, die rauchblaue Stunde, wenn sich die tagaktiven Lebewesen zum Schlaf betten, und die Wesen der Nacht das Szepter in die Hand nehmen.

Im Restlicht des Tages entfalteten sich die Nachtkerzen, Falter schwirrten umher, und die letzten Schnaken tanzten über dem kleinen Teich in der Mitte des Anwesens. Nur schemenhaft unterschieden sich die Umrisse der Pflanzen im Schummerlicht des scheidenden Tages. Auf den Kieswegen huschten Igel umher, und eine Katze lauerte smaragdäugig zwischen hoch gewachsenen Gladiolen und weißem Phlox. Vereinzelte Glühwürmchen trugen ihr Phosphoreszieren zwischen filigranem Gräserwerk dahin wie Fabelwesen ihre kleinen Laternen. Etwas Zauberisches lag in allem. Rosenblütenduft. Das Aroma ermatteter Kräuter, müde vom heißen Atem der Julisonne an jenem Tag. Lavendel.

Es war bereits nach zweiundzwanzig Uhr, als Bewegung in die Szenerie kam. Mit einem quietschenden Geräusch wurde die Holztüre am Eingang des Gartens in den Angeln bewegt und aufgetan. Mit müden Schritten schleppte sich da einer durch die junge Nacht auf dem Weg hin zum Gartenhaus, das weiter hinten stand. Wer da ging, war ein Mann von vielleicht 40, 45 Jahren in einem zerknitterten, grauen Anzug, der ihm viel zu weit war. Er trug einen abgewetzten alten Koffer mit sich, der an den Kanten angestoßen war und in so schlechtem Zustand, dass er anscheinend nur noch durch einen Gürtel zusammengehalten wurde, der um ihn herum festgezurrt war.

Vor dem Gartenhaus blieb er stehen. Er atmete laut aus, sah zum Häuschen hin, das eine kleine Veranda hatte, die überdacht war. Es waren Jugendstilornamente in den Ecken eingeschnitzt, und auf den alten Bretterplanken stand eine Bank, die perlmutfarben angestrichen war.

Dort waren seine Großeltern immer gesessen. Später seine Eltern. Und er, Leonhard. Mit Maria und mit Agnes, später mit Julia. Und…. Aber das war lange her. Es war als wären seither Jahrhunderte vergangen, schien es ihm. Er kam sich vor wie Dornröschens Ritter, nur dass er nicht als Retter einer holden Schönen kam. Er kam, um vieles zu vergessen und den Garten neu zu finden. Oder einfach zur Ruhe zu kommen, nach langer Zeit, nach wüsten Abenteuern, nach langem Umherirren? “Fast wie Odysseus“, murmelte Leonhard. Sein Ithaka erschien ihm zum Greifen nah.

Ganz am Anfang, damals, war alles ganz leicht gewesen. Ein Spiel. Du steigst auf die Bühne der Welt wie ein junger Held. Du wirfst dich in die Brust und sprichst laut. Du singst. Du tanzt. Du eroberst dir Terrain um Terrain wie im Flug. So war Leonhard. Er war groß gewachsen und sportlich. Sein Haar war dicht und wellig. Und seine Augen hatten die Farbe von Bernstein. Sein Gesicht war weit und offen. Wenn er lächelte, schmolzen Frauenherzen und Mutteraugen leuchteten. Er nahm es hin mit einer jugendlich verwegenen Selbstverständlichkeit, und man ermutigte ihn, stolz auf sich zu sein, ohne besonderen Verdienst. Einfach so, weil eben Leonhard Leonhard war.

Als er das Elternhaus verließ, um in der Stadt zu studieren, glaubte er ohne Zögern an eine große Zukunft. Er hatte ein kleines Zimmer bei einer älteren Dame, die seinem Charme sofort erlag. So hatte er im Grunde sturmfreie Bude und konnte tun und lassen, was er wollte. Zunächst noch ging er in jede Vorlesung und abends lernte er fleißig auf seinem Zimmer. Doch nach und nach fand er größeres Vergnügen daran, mit Kommilitonen um die Häuser zu ziehen, auf deren Buden Umtrunk zu halten und in den Tanzsälen Mädchen kennen zu lernen, ihnen den Hof zu machen, was ihm nicht schwer fiel.  Es war seine hohe Zeit der Lebenslust und fast wie ein Sport für ihn, sich immer neue Genüsse zuzuführen, alles auszuprobieren, was zu erlangen war.

An den Wochenenden fuhr er hinaus aufs Land zum Garten seiner Familie. Manchmal mit den Freunden von der Universität. Sie saßen an warmen Abenden auf der Terrasse des Häuschens und feierten ihre Jugend und das Leben. Aber öfter noch kam er mit einer jungen Frau hinaus ins Grüne: Mit Maria, Agnes, Julia, Sybille… Es waren viele Namen, die im Laufe der Jahre in der Erinnerung verschwammen. Im Grunde war ihm nichts wirklich wichtig, außer seine eigene Person, und welcher Lustgewinn ihm beschert wurde. Er fand es herrlich, Sommerwind in den Haaren zu spüren und schimmernde Mädchenblicke auf sich ruhen zu sehen. Der Wein im Glas funkelte ihm. Das Dasein lachte ihn an.

Dann kam die Zeit des Universitätsabschlusses. Härter ja, aber machbar. Zu Erlernendes flog ihm zu. Er bestand. Damit schien es, als wäre ihm eigentlich alles Weitere möglich gewesen: Eine Karriere am Krankenhaus, vielleicht oder eine eigene Praxis gar? Aber es kam ganz anders.

Krieg kam. Hatten ihn Politik und Weltgeschehen mehr bedeutet, hätte er vielleicht die Zeichen der Zeit erkannt, ehe es zu spät war, und er wäre innerlich womöglich ein bisschen gewappnet gewesen. Aber ihm hatten diese Themen nur als weiterer Gesprächstoff in studentischen Runden gedient, so wie alle anderen Themen von tief bis seicht, von ‚Woher kommen wir – Wohin gehen wir’ bis hin zur Frage, welcher Jahrgang denn am besten schmeckte. Für ihn war auch das immer ein Spiel gewesen. Nichts, was ihn anging. Aber nun ging es ihn an. Es riß ihn aus seinem Leben, seinen Träumen von einer wirklicht guten, erfolgreichen Zukunft, riß ihn aus den Armen von Sybille, oder war es Erika? Und kein sympathisches Lächeln nützte da was, kein Wohlwollen rettete gerade ihn aus seiner Ohnmacht im Angesicht militärischen Befehls und staatlichen Zwangs.

Zum ersten Mal in seinem Leben mußte er etwas tun, was er so gar nicht wollte. Es war ihm so fremd, das Exerzieren, der Ton, die Waffen, die Angst. Da fiel von ihm die Leichtigkeit ab wie Asche, und was zurückblieb, war das bloße Leben mit Namen Leonhard.

Sich aus allem raushalten ging nun nicht mehr. Im Gegenteil. Nun musste er tun – was auch immer, und ohne zu hinterfragen. Nach einiger Zeit gewöhnte er sich sogar an einen gewissen Drill und das spartanische Leben. Er war jung, gesund und entdeckte eine gewisse Flexibilität, die es ihm erleichterte, sich in der neuen Lage einzufinden. Da er Mediziner war, hatte er gleich seinen Platz als Arzt in der Kompanie. Ein wenig Normalität also für ihn in der bedrückenden Situation.

Dann ging’s weiter Richtung Front, und aus Krankheitsfällen, die er behandeln musste, wurden Verletzungen, Notoperationen. Kein leichter Dienst. Aber auch das lernte er zu akzeptieren, wenn auch mit einiger Anstrengung. Nachts träumte er vom Garten der Großeltern. Von den Walderdbeeren, die dort in einer Ecke wuchsen. Vom süßen Duft des Steinbrechs und der Hyazinthen. Von dem wohligen Gefühl in lindem Licht zu liegen. Der Stimme der Mutter, die ihn sanft rief.

Aber  eines Tages entdeckte das Schicksal Leonhard. Es nahm ihn direkt beim Herzen und packte fest zu. Man brachte ihm einen Verwundeten, der übel zugerichtet war. In ihm erkannte er seinen besten Freund aus Kindertagen. Karl war mit ihm groß geworden, und sie waren einander immer wie Brüder gewesen. Blutsbrüder beinahe so wie in den ‚Winnetou-und-Old-Shatterhand’-Büchern, ihrer Lieblingslektüre. Auf den Gartenweg einst hatten sie Fangen gespielt und Verstecken hinter blühenden Büschen. Sie waren Vertraute, als erste Küsse und zarte Mädchenknie lockten und sie verwirrten. Als das Leben ganz unschuldig und voller Verheißungen war. Und nun lag dieser, ‚sein’ Karl vor ihm mit zerfetztem Körper und großen, glasigen Augen voller Pein. Und er konnte ihm nicht mehr helfen. Ratlos und verzweifelt konnte er ihm nur noch ein Schmerzmittel spritzen, ihm die Hand halten, und zusehen, wie er seine letzten, stockenden Atemzüge tat. – Danach war Leonhard still, und er war es bis zum Ende des Krieges.

Er blieb schweigsam und zurückgezogen. Versah seinen Dienst schweigend und beendete ihn so. Und er träumte nicht mehr vom Garten. Er träumte von Karls Augen, die ihn unverwandt ansahen und ihn quälten. Sie quälten ihn mit Selbstzweifel, schlechtem Gewissen und brennender Hilflosigkeit, quälten ihn mit leer gefegten Zukunftsvisionen, erstorbener Hoffnung und einem Weltbild das nur noch Schwarz, Weiß und Grautöne kannte. Es war kein Platz mehr für die Farbenpracht von Regenbögen und Gartenbeeten in ihm. Jasminblüten und Schmetterlinge, schien es, gab es nur in einem anderen Universum. Alles was fein und zerbrechlich war, wurde ihm so unerträglich, daß er sich jedem Gedanken daran entzog. So schwielig wie der Dienst und die Not seine Hände gemacht hatten, so rauh und grob war seine Seele geworden.

So kam Leonhard heim: Ausgebrannt. Und mit dem Ausgebranntsein kam der Durst.  Der Durst nach schnellen sexuellen Affären, nach wilden Abenteuern und nach viel Alkohol, sehr viel Alkohol.

Kurz nach seiner Heimkehr war er lediglich auf der Couch im Wohnzimmer seiner gebrechlichen Eltern gelegen, die ihn versorgten, den heimgekehrten, über alles geliebten, so vermissten Sohn. Er ließ es sich gefallen. Kümmerte sich selbst um nichts, ließ sich bedienen, verwöhnen und mit elterlicher Liebe füttern, als wäre er ein flaumiges Küken in deren Nest.

Mit der Zeit aber wurde es ihm doch langweilig, und  er nahm schließlich eine Arbeit als Arzt in der örtlichen Klinik an. Und am Abend ging er aus. Saß in den Bars, wo sich die aus dem Lebensfluss Geschwemmten trafen, andere, die wie er Bilder im Herzen trugen, die sie nicht ertragen konnten. Unausgesprochener Schmerz trieb sie alle an, trieb sie hin an die Flaschen, in die Arme aus der Normalität gefallener Frauen. Gefährliche Leidenschaften! Alles drehte sich um schnelles Vergnügen, schnelle Autos, Drogen, Mutproben. Es war eine Mischung von Sprengkraft: Sucht und Flucht. So beschritt er den Weg in ein scheinbar buntes, bewegtes Leben, das aber im Grunde hohl war und in eine Sackgasse führte. Mit wem er jeweils zusammen gewesen war, und was alles geschehen war in der Nacht, das wußte er am nächsten Morgen oftmals nicht mehr.

Und weil er so in dieser Weise lebte, blind und vom eigenen Schmerz und Rausch besoffen, merkte er nicht, wie seine Eltern langsam schwächer wurden. Als sie starben, war er vollkommen fassungslos. Er beerdigte sie im Herbst, als die Blätter fielen und die Herbstastern blau in den Abendhimmel leuchteten. Die Ruinen seines Lebens machten ihm den Blick frei auf klare Sicht. Und als er am Grab der Eltern stand, erkannte er, dass er ganz allein war. Niemand von seinen Saufkumpanen und Nachtfreundinnen war gekommen, um ihm im Verlust beizustehen. Sie alle waren damit beschäftigt, ihre eigenen Schrecken zu vergessen und sich heimlich wegzuschleichen.

Da sah Leonhard, dass sein Leben nackt war. Ohne Liebe und Beständigkeit. Ohne innere Heimat und ohne eine Zukunft, für die es sich lohnte, zu leben.

Er hatte kein Haus gebaut, kein Kind gezeugt, keinen Baum gepflanzt. Er hatte, was er besaß, verraten und die Liebe seiner Eltern nicht mit gleicher Liebe erwidert. Er hatte alles genommen, wie es ihm dargeboten wurde, wortlos und danklos. Mehr noch, als er durch die Trauer und den Verlust ernüchtert, seine Lebensumstände ganz begriff, merkte er, daß er  nicht nur sein eigenes Geld verpraßt hatte, sondern auch einen ganzen Teil des Vermögens seiner Eltern. Sie waren immer still und leise für ihn eingesprungen, als er wieder einmal Schulden gemacht hatte. Nun, da sie tot waren, konnte er auch die Wohnung nicht mehr halten, in der er mit ihnen gewohnt hatte. Er sah, was an Möbeln noch zu verkaufen war, und packte in einen alten Koffer, was ihm blieb und wichtig schien: Seine Papiere, sein Arztdiplom, ein Photoalbum mit Familienbildern, ein paar Kleidungsstücke, Zahnbürste, Taschenmesser… den großen, reich verzierten Messingschlüssel zum Garten.

Ja, der Garten, der blieb ihm! Er allein war nicht verloren gegangen. Leonhard dachte nicht lange nach: Er wusste wohin er gehen konnte und bleiben wollte. Er versah noch eine Weile den Dienst im Krankenhaus, ordnete seine Angelegenheiten in der Stadt und kümmerte sich um den Verkauf der Wohnung. Dann suchte er sich eine Anstellung auf dem Land, unweit des Gartens.

Von nun an würde er im Garten der Großeltern leben und dort wieder zur Ruhe finden.

Wenn das ging?

Es war einen Versuch wert.

Am Rande der Nacht / Schlägt der Flügel / Des Sonnenvogels // Golden geht der Tag / Auf wie ein Kelch // Traumes Wispern / Flüstert zarte Worte: / Botschaften ins Ohr / Der knospenden Zeit // Die Amsel singt / Und der Tau rinnt / Von den Blättern // Empor steigt grüner Duft // Neuer Morgen / Neue Wege / Neues Wagen // Und was am westlichen / Horizont wartet / Stunden später // Wer weiß es? // Wir gehen an / Unsichtbarer Hand / Geführt die Pfade / Des Lebens / Wohin wir müssen / Von Ost bis West / Auf der Sonnenbahn / Bis die Nachtigall uns ruft.

 © Barbara BaLo* Lorenz, Schwabach

Geschichte entstanden 2005, Gedicht 1999 erschienen in "Abrabarabara!" in der Edition Knurrhahn des Thomas Rüger Verlags, Nürnberg, Photos 2007 und 2008

Zur Beachtung: Personen, Handlung und Sachverhalte dieser Erzählung sind frei erfunden, als Fiktion anzusehen und persönliches, geistiges Eigentum der Autorin. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen und realen Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. 

BaLo*: "Wir sind alle Menschen, jeder von uns, alles kann uns passieren, alles ist auch in uns mit angelegt. Mensch unter Menschen zu sein - und es zu wissen, das ist der erste Schritt auf dem Weg zu wahrhaft gelebter Menschlichkeit und reifender Weisheit. Barmherzigkeit begleitet uns, Demut ist Adel: Sich vor Gott zu neigen, richtet uns auf."

 

Extra Tipp und Hilfe für den Leonhard aus meiner Geschichte und seine Leidensgenossen und -genossinnen: Eric Clapton's Crossroads Centre click here, Anonyme Alkoholiker Informationen, für Angehörige: Al-Anon


Stand Seite 17.05.2008